Literatur aus der Uckermark

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Lisa Lehmann - Autorin aus Jamikow (Uckermark)

Geschichten vom Uckermarksommer 1999

Ich heisse Lisa Lehmann und wohne in Jamikow. Ab sofort werde ich an dieser Stelle monatlich eine Geschichte aus meinen beiden Büchern veröffentlichen. Ich schreibe seit meiner Pensionierung Heimatgeschichten. Kommen Sie einfach mit auf eine Abenteuer-Reise durch die Uckermark.

Die Akazien am 29.06.1999

Ihre Stämme sind schon sehr zerklüftet und auf der Wetterseite liegt Grünspan. An einem sehr aufgeschlitzten Stamm ließ der Gartenbaumeister einen Efeu klettern, der den Spalt verdeckt und die Akazie zur Hälfte umschließt. Damit setzte er einen exotischen Akzent, wo sonst nur Fliederblätter die Stämme säumen. Auf mich wirkt der grünumwickelte Akazienbaum wie ein Exemplar in einem Terrarium. Einige morsche Äste strecken sich gespenstisch in die Luft und ich grüble ständig, wie man die Bäume vor Verfall und Bruch schützen könnte. Ich trauere um jeden Ast, den der Sturm abbricht. Fast täglich muß ich Fetzen auflesen. Aber mir fällt nichts Brauchbares ein, als dass ich darauf achte, dass ihre Füße luftig stehen. Ich entferne regelmäßig Unkräuter aller Art, die sich immer wieder ansiedeln.

Die Trompetenakazie

Der Trompetenbaum gegenüber der letzten Akazie ist in diesem Jahr so in die Höhe geklettert, dass er die Akazie berührt. Die kleinen Akazienblätter sitzen wie eine Lockenfrisur auf dem Kopf des großblättrigen Trompeters. Wären Wuchs und Blattform beider Bäume nicht so völlig unterschiedlich, würden sie über der Schaukel einen geschlossenen Torbogen bilden. Bei meiner Betrachtung fällt mir auf, dass viele Akazienblätter schon gelb sind und durch den Wind wie Schneeflocken herunterrieseln. Sie hängen wie Taler in den Grasspitzen. Hoffentlich noch kein herbstliches Zeichen. Der Gartenarchitekt beruhigt mich damit, dass sich die Blätter nur erneuern. Er hat es in den vergangenen Sommern beobachtet.

Die Mini-Akazie

Den allerbesten Einfall aber hatte der Gartenoberbaumeister mit dem Kauf einer kleinwüchsigen Akazie vor drei Jahren. Sie wurde mit einem dicken Ballen geliefert und in einem großen Kübel geschützt an die Hauswand gestellt. Das Bäumchen hatte einen kurzen Hochstamm mit einer kugeligen Blätterkrone und sah recht zerbrechlich aus. Es wurde bevorzugt behandelt. Im Herbst wagte er die Einpflanzung in die Erde vis a vis der großen Schwestern an die Terrassenecke. Ich hatte große Bedenken, ob das der Kleinen hinsichtlich des freien windigen Standortes bekommt. Einige Zweiglein brachen ab. Jedesmal, wenn ich vorbeiging, streichelte ich sie und sprach ihr Mut zu, so sehr lag mir ihr Gedeihen am Herzen. Und siehe da, die Akazie schaffte es und wurde seßhaft.

Sie ist jetzt einen Meter und sechzig Zentimeter hoch. Die Krone ist so dicht geworden, dass man nicht hindurchsehen kann Das hochstämmige Bäumchen ist der absolute Blickpunkt auf der Rasenfläche der Hofseite geworden. Alle bewundern es. Die Schwiegertochter zieht in Betracht, ihren neuen Balkon mit einer Akazie im Kübel zu schmücken, so sehr hat unsere Miniausführung es ihr angetan. Geblüht hat die kleine Akazie noch nicht. Das wäre natürlich der Höhepunkt. Vielleicht hilft zu solchem Erfolg meine weiterhin zärtliche Behandlung, denn ich berühre sie noch immer beim Vorübergehen.

Akazienbeobachtungen

Die Akazien habe ich erst in der Uckermark kennengelernt. In meiner sächsischen Heimat sind sie mir nie aufgefallen. In unserer Nachbarschaft stehen sie zahlreich in unterschiedlicher Größe. Die Blätter entfalten sich relativ spät – in diesem Jahr war es am 9. Mai - , sodaß unser Hof an heißen Frühlingstagen, wie wir sie oft schon Ende April haben, ungeschützt in der Sonne liegt. Danach dauert es noch vier Wochen bis sie blühen.Die traubenförmigen Blüten hängen wie Lampions in den Zweigen und verbreiten einen sehr milden, fast zuckrigen Duft. Im Dorf ist die Luft voll davon.

Meine Nachbarin ist davon nicht angetan. Der Duft löst bei ihr eine heftige Allergie aus. Obwohl unsere Bäume mindestens zweihundert Meter von ihrem Haus entfernt stehen, verspürt sie es. Sie meidet in der Blütezeit ihre Dorfspaziergänge . In diesem Jahr entdeckte ich die ersten Blüten am 4. Juni. Da ich die Daten im Kalender registriere, weiß ich, dass sie sich abhängig von der Witterung verschieben, was auch auf die Blütenanzahl Einfluß hat. Die Fülle war in diesem Jahr spärlicher als im Vorjahr. Vor zwei Jahren hatte der Frost zugeschlagen. Es waren nur schwarze Punkte zu erkennen. Die Imker hatten Verlust. Es gab keinen Akazienhonig in unserer Gegend.

Akazien oder „Robinien“?

Kürzlich hörte ich von einer Bekannten, dass wir hier keine Akazien haben, sondern „Robinien“. Der Sache mußte ich natürlich nachgehen. Ich finde unter „Akazie“ im Lexikon folgendes: „Schotendorn, der Mimose verwandtes artenreiches Holzgewächs mit doppelgefiederten Blättern; vorwiegend in Australien und dem tropischen Afrika, wegen ihrer gelben Blütenköpfchen im Mittelmeergebiet viel angepflanzt; liefert Gummiarabikum u. a." – Mit dem Hinweis: "Falsche Akazie – s. Robinie" endet die Beschreibung. Also weiter:

„Robinie. Falsche Akazie: Schnellwüchsige, anspruchslose, nordamerikanische Baumart mit duftenden Trauben, zur Besiedlung dürftiger Sandböden., Halden und Bahndämme sehr geeignet; benannt nach den französischen Gärtnern Robin (16./17. Jahrhundert)." Nach dieser Beschreibung beider Baumarten und der Abbildung einer Robinie und deren Blüten muß ich ganz objektiv zugeben, es mit Robinien zu tun zu haben. Aber ich habe mich nun mal in die „Akazien“ verliebt, und die wissenschaftliche Erkenntnis ist für mich kein ausreichender Grund, meine Meinung zu ändern. Es bleiben Akazien.

Mein Sommerlieblingsplatz

Die Akazien sind höher als unser Haus. Ihre Zweige sind durch den freistehenden Standort von Wind und Sturm so gebogen, dass sie die darunterliegende Rasenfläche überdachen. Wenn die Sonne ihren Mittagslauf macht, schenken sie uns einen großen schattigen Platz und fächeln uns noch zusätzlich frische Luft zu. Ab und zu blinzelt die Sonne hindurch, da die kleingefiederten Wedel keine dichte Wand bilden. Dabei rauschen und rascheln sie so beruhigend, dass ich auf meinem Ruheplatz darunter tatsächlich schon eingeschlafen bin. Auf die Mittagspause unter den Akazien freue ich mich wie ein Kind. Durch exaktes Timing meiner häuslichen Pflichten versuche ich täglich wenigstens eine halbe Stunde auf meinem Lieblingsplatz zu verbringen.

Am vergangenen Sonntag, dem 27.Juni, dem "Siebenschläfertag“ mit ein paar Regenschauern, wurde meine Mittagsruhe durch rhythmische Klopfgeräusche unterbrochen. Genau in meinem Blickfeld saß ein Specht und behämmerte die Rinde einer Akazie. Es sah possierlich aus, wie sich sein Kopf schnell auf und ab bewegte. So nahe hatte ich einen Specht noch nicht beobachten können. Auch in den darunterwachsenden Fliederbüschen war Betrieb: Die Elstern, die ich bisher nur abends gehört hatte, krächzten, und auf dem Rasen spazierten zwei Bachstelzen zur Schaukel hinüber.

Der ideale „Steinbock-Urlaub“

Die Erklärung, warum ich mich unter den Akazien so wohlfühle, fand ich in einem Steinbock-Horoskop. Hier steht zu dem Thema“Der ideale Urlaub für den Steinbock“ folgendes: „Als Erdzeichen sind sie am liebsten in der freien Natur und genießen es, unter Felsen oder Bäumen zu sitzen“ Na also. Und weiter:“ Nehmen sie sich ab und zu allein Zeit dazu, da sie dabei keinen Zwängen unterliegen und sich voll entspannen können.“ Bei den Orten, die unter dem Zeichen des Steinbocks stehen, wird u. a. auch Mecklenburg-Vorpommern genannt, unser Nachbarland. Die Grenze liegt nicht weit von uns. Als junge Leute haben wir uns dort beim Zelten und Wasserwandern regelmäßig vergnügt. Ich habe die schönsten Erinnerungen an diese Urlaubstage.

Ein willkommener Gast

Inzwischen hat noch ein anderes Familienmitglied seine Vorliebe für diesen freundlichen ruhigen Platz entdeckt: Enkeltochter Johanna steuert, wenn sie aus dem Kindergarten nach Hause kommt, die Stelle, wo meine Liege steht an und schwupp hat sie sich auf meinen Platz gedrängelt. Beim Malen, Ausschneiden, Bilderbuchanschauen ist sie hier nach ihrem langen Tag mit Ausdauer bei der Sache, so dass es scheint, als habe er eine ebenso beruhigende Wirkung auf das Kind. Es kommt vor, dass sie selbständig am frühen Abend vor dem Zubettgehen mit ihrer kleinen Schlafdecke um die Schultern gehangen diese Stelle noch einmal aufsucht. Sie streckt sich dann genüßlich auf der Liege aus. Ein friedvolles Bild an warmen Sommerabenden – eben wie „zu Hause“.

Die Kinderschaukel unter den Akazien

Jetzt zur Mittagszeit bewegt sich das rote Schaukelbrett allein im Wind. Aber gleich werden die Enkelkinder auf ihm in die Akazien fliegen. Am liebsten hat es Johanna, wenn sie von Luftballons, sie sagt „Luftbamboms“, begleitet wird. Sie werden an von ihr bestimmte Stellen der Seile gebunden und flattern mit im Schaukelrhythmus. Vom großen Bruder hat sie inzwischen abgeguckt, dass man sich auf das Brett stellen oder die Seile eindrehen und wieder auftrudeln lassen kann, was sie auch alles wagt und großes Vergnügen daran hat. Als Zuschauer freue ich mich mit und erinnere mich an das wunderbare Gefühl des Auf- und Abfliegens aus meiner Kindheit. Ich habe es ebenfalls so genossen.

Über den Weg im schmalen Hausgarten war eine Schaukel aus zwei Pfählen errichtet, so dass, wenn sie benutzt wurde, der Garten nur über die Beete erreichbar war. Sie war in den kargen Kinderjahren eine Attraktion. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich anstelle von Johanna meine Schwester im karierten Kleid mit fliegenden Zöpfen glücklich schaukeln
Die Autorin lebt in Jamikow/Uckermark. Ihre Bücher und Postkarten sind in jeder Buchhandlung erhältlich. Weitere Informationen erhalten Sie per eMail oder telefonisch unter 033 33 1 - 66 3 64.

Veröffentlichungen der Autorin
  • "Die Uckermark - Ein Sommermärchen" 7,60 Eur
  • "Die Uckermark – Ein Heimatmosaik" 10,00 Eur
  • Postkartenserie "Unterwegs in der Uckermark" Set-Preis 3,50 Eur

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