Literatur aus der Uckermark

Lisa Lehmann - Autorin aus Jamikow (Uckermark)

Geschichten vom Uckermarksommer 1999

Ich heisse Lisa Lehmann und wohne in Jamikow. Ab sofort werde ich an dieser Stelle monatlich eine Geschichte aus meinen beiden Büchern veröffentlichen. Ich schreibe seit meiner Pensionierung Heimatgeschichten. Kommen Sie einfach mit auf eine Abenteuer-Reise durch die Uckermark.

Vom Großbrand auf den umliegenden Feldern am 03.08.1999

Zum zweiten Mal erlebte ich heute das Zusammentreffen von der Beschäftigung mit einer Sache und einem entsprechenden Ereignis: Während ich am Vormittag interessiert um das Gutshaus geschlichen war und mittags eine ganze Zeitungsseite über die Sanierung desselben in einem Nachbarort las, passierte am Abend etwas, was direkt mit der Schilderung des alten Feuerwehrhauses im Park zu tun hatte. Es war 20 Uhr. Ich hielt mich hinter unserem Haus auf als plötzlich der Enkel eilig mit dem Fahrrad um die Ecke bog und rief:" Es brennt! Komm doch bloß!" Ich folge ihm und sehe erschrocken dicke quellene Rauchwolken genau über der Kirche stehen. Es sieht bedrohlich aus. Ich frage ihn, wo es brennt. Aber er will es erst erkunden und fährt in Richtung Dorfteich. Ich nehme Johanna auf den Arm, die inzwischen neugierig zur Stelle ist, und laufe mit ihr zu den Feldern den Weg hinauf. Der Rauch steigt vom Wald auf und bewegt sich in Schwaden an unseren Ort heran. Flammen kann ich nicht erkennen. Ich muß näher heran. Ich laufe mit meiner Last so schnell es geht zum Haus zurück, übergebe das Kind der Mutter und hole mein Fahrrad heraus. Der Schwiegersohn ist inzwischen auf dem Weg zum Feuerwehreinsatzleiter. Matti winkt mich von Fahrrad aus in Richtung Dorfteich. Es beunruhigt mich, dass ich die Dorfsirene und Feuerwehrsignale immer noch nicht gehört habe, obwohl seit unserer Entdeckung bestimmt zwanzig Minuten vergangen sind. Der Rauch läßt nicht nach. Ich denke erschrocken, dass es nur nicht zu lange bis zum Einsatz dauert. Aber am Dorfteich ist inzwischen Betrieb. Der erste Feuerwehrlöschzug hält an, um die Schläuche ins Wasser zu lassen. Endlich braust das Dorffeuerwehrauto heran mit dem "Papa" auf dem Beifahrersitz. Der Enkel ist stolz aber auch enttäuscht, er wollte als "Jungfeuerwehrmann" auch mithelfen und kommt sich überflüssig vor. Wir fahren links vom Dorfteich den Weg mit dem nagelneuen Straßenschild hinauf und sehen vor und auf dem Stoppelfeld viele Einwohner stehen. Die Fahrräder legen wir schnell am Feldrand ab und laufen über die knochenharte Erde. Zum Glück hatte ich mir die hohen Sportschuhe angezogen, sonst würde ich die Stoppeln unangenehm spüren. Und dann sehen wir das Feuer: Vom Waldrand laufen züngelnde Flammen über die Getreidefelder. Der Wind treibt es an unserem Dorf vorbei auf das nächste zu. Besorgt beobachten alle die schnelle Bewegung des Feuers.

Über die langanhaltende Trockenheit

Die Trockenheit hat beachtliche Ausmaße angenommen. Schon lange herrscht die höchste Waldbrandstufe. Überhaupt kann ich mich seit dem 21.06.1999, als ich mit den Tagebuchaufzeichnungen begann, an keinen Schlechtwettertag entsinnen. Täglich saß ich zum Schreiben im Freien, wurde nie durch Regen behindert. Das sind bis heute 44 Sommersonnentage - er wird bestimmt ein Rekord der letzte Sommer in diesem Jahrhundert. Die Notizen werden es beweisen können. Schon vor etwa drei Wochen klagte der Nachbar darüber, dass er aus Angst, dass sein Pflug kaputt gehe, nicht pflügen kann. Die Futterrüben bekäme er nicht aus dem Boden, sie seien wie einbetoniert. Er könne sich an so eine lange Trockenperiode nicht entsinnen. Dass sich die Gärtnerin um das Gedeihen der Blumen und Sträucher sorgt, brauche ich nicht zu erzählen. Der Rasen in Hof und Vorgarten hat schon lange den "irren Duft von frischem Heu".

An der Brandstelle am 03.08.1999

Ich fahre nach Hause und hole den Fotoapparat. Vielleicht gelingt mir eine Aufnahme vom Feuer und der hoffentlich erfolgreichen Bekämpfungsaktion. Zurückgekommen habe ich schon Mühe, am Dorfteich vorbei den Weg in Richtung des Brandes entlangzufahren, soviel Gedränge herrscht hier. Auf der Straße liegen die dicken Schläuche. Die Feuerwehrzüge sind aus Passow, Gramzow, Zichow, Pinnow und Angermünde angerückt. Polizeifahrzeuge befahren ebenfalls die Strecke. Ich versuche, so nahe wie möglich an das Feuer heranzukommen.

Deshalb stelle ich das Fahrrad am Weg ab und betrete das Feld. Hier kommen mir Fahrzeuge entgegen, und ich versuche mein Glück mit dem Motiv Feuer und Bekämpfer unter Zuhilfenahme des Blitzlichtes, denn es ist inzwischen 21 Uhr geworden. Schon werde ich ermahnt. Die Polizei ruft:"Alle runter vom Feld! Zurück ins Dorf!" Das Feuer prasselt ungebrochen lichterloh. Es hockt geballt an einer Stelle und man befürchtet, dass der Wind es in die Richtung unseres Ortes treiben könnte. Deshalb die strenge Verwarnung an die Schaulustigen und Besorgten. Ich schummele ein bißchen. Sage dem Polizisten, dass ich die Ortschronik schreibe und die Aufnahmen dafür brauche und knipse schnell noch einmal. Auf der entgegengesetzten Seite arbeiten ebenfalls Einsatzkräfte. Aber ob den Flammen überhaupt beizukommen ist, bezweifle ich. 22 Uhr werden die Feuerherde auf den Feldern zwar kleiner, aber die Rauchwolken über dem Nachbarort verdunkeln den Nachthimmel zusätzlich. Sie ziehen unvermindert weiter. So weiß ich, eine halbe Stunde später zu Hause angekommen, nicht, ob das Unglück gebannt ist. Der Schwiegersohn ist noch unterwegs. Morgen früh werde ich hoffentlich von einem glücklichen Ausgang erfahren. Der Brand soll von einem Mähdrescher ausgegangen sein.

Die Geschichte vom Glück nach dem Unglück 04.08.1999

Am Abend nach dem Brand nehme ich mein Fahrrad, um zu sehen, welche Spuren das Unglück hinterlassen hat. Es war wieder ein heißer Tag. Der Fahrtwind erfrischt mich so sehr, dass ich plötzlich richtig munter bin. Vor den Häusern und auf der Bank am Dorfteich ruhen die Dörfler von der Hitze des Tages aus. Alle sind wohlauf, Gott sei Dank. Bei dem Ehepaar vom Gutshaus, ich sehe die Tochter und die Enkeltochter mit im Garten sitzen, halte ich an. Es ist etwas Lustiges im Gange: Das kleine Mädchen agiert als Model. Die Großmutter hat einen Koffer mit Kleidern der Tochter hervorgekramt. Gerade führt sie ein Dederonunterkleid vor. Die Tochter erinnert sich, dass sie noch ein ähnliches hatte – wir lachen, gemeinsam an das unangehme Material denkend, aber es machte was her.

Als ich zurückkomme, ist die Kleine immer noch mit dem Verkleiden beschäftigt. Ich sehe, wie sie sich quält, den Reißverschluß im Rücken eines Kleides zu schließen und denke, dass die Mutti dünner war. Sie lacht mich an, läßt sich in ihrem Spiel nicht stören. Am Teich spielen die Kinder Tischtennis und Enkelsohn Matti hofft, dass ein Fisch anbeißt. Ich rufe ihm "Petri Heil!" zu, denke, auch den Kindern geht es gut und bin schon auf dem Weg, der zur Brandstelle führt.

Hier ist es heute einsam gegen das Gedränge und die Hast am gestrigen Abend. Der holprige ausgetrocknete Boden nimmt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Irgendwann geht es nicht weiter. Ein Hochsitz steht am Ende des zweispurigen Weges. Die Aussicht ist durch Bäume versperrt. Ich muß links auf das abgeerntete Getreidefeld, um einen freien Blick zu bekommen. Dazu stelle ich das Fahrrad lieber ab. Jetzt kann ich die große schwarze verbrannte Fläche sehen – im Radio wurde von 70 ha gesprochen. Ob Getreide verbrannte oder der Wind das Feuer nur über Stoppeln jagte, ist mir nicht bekannt. Aber es ist vorbei, vorbei. Nur noch brenzliger Geruch weht zu mir herüber. Ich freue mich, dass weder Menschen noch Gebäude zu schaden kamen. In der Ferne rattert ein Mähdrescher.

Es ist friedlich heute Abend. Langsam fahre ich zurück. Während der Weg vorwiegend von Akazien und Holunderbüschen, an denen kleine grüne Beeren hängen, gesäumt wird, liegen am Rand abgebrochene Äste und entwurzelte Stämme, die die eigenartigsten Formen haben. Einmal glaube ich, einen Pferdeschädel liegen zu sehen, ein anderes Mal einen verkrüppelten Ast, der wie das Skelett einer Hand nach mir greifen will. Hinter den Bäumen erstrecken sich rechts die staubigen kahlen Felder. Auf der linken Seite steht das Getreide noch auf dem Halm – ich hoffe, es kann unversehrt geborgen werden. Eine Gruppe hoher Sonnenblumen begrüßt mich wieder im Ort. Obwohl erst kurz nach 21 Uhr, wird es schon dunkel. Traurig denke ich daran, dass schon August ist, die Abende im freien kürzer werden und siehe da, die Bänke am Teich sind leer – ich hatte da noch ein paar Fragen....... Am nächsten Tag berichtet die Zeitung, dass 100 ha Korn- und Stoppelfeld in Flammen gestanden haben. 14 Feuerwehren aus der Region waren mit 250 Feuerwehrleuten bis zwei Uhr nachts im Einsatz. Der Kreisbrandmeister schätzte ein:"Es war in diesem Sommer einer der größten Brände in der Uckermark". Heute ist es wieder so heiß. Kein Regen in Sicht. Hinter unserem Zaun ist das Getreide noch nicht abgeerntet. Hoffentlich kommen die Mähdrescher erst nach einer Dusche, der Staub wäre unerträglich. Aber Zeit für die Mahd wird es. Man kann das reife Korn förmlich riechen. Ich halte kurz inne und lausche: in der Ferne tönen wieder Feuerwehrsignale tatü – tata. Verdammt.
Die Autorin lebt in Jamikow/Uckermark. Ihre Bücher und Postkarten sind in jeder Buchhandlung erhältlich. Weitere Informationen erhalten Sie per eMail oder telefonisch unter 033 33 1 - 66 3 64.

Veröffentlichungen der Autorin
  • "Die Uckermark - Ein Sommermärchen" 7,60 Eur
  • "Die Uckermark – Ein Heimatmosaik" 10,00 Eur
  • Postkartenserie "Unterwegs in der Uckermark" Set-Preis 3,50 Eur
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