Literatur aus der Uckermark

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Lisa Lehmann - Autorin aus Jamikow (Uckermark)

Geschichten vom Uckermarksommer 1999

Ich heisse Lisa Lehmann und wohne in Jamikow. Ab sofort werde ich an dieser Stelle monatlich eine Geschichte aus meinen beiden Büchern veröffentlichen. Ich schreibe seit meiner Pensionierung Heimatgeschichten. Kommen Sie einfach mit auf eine Abenteuer-Reise durch die Uckermark.

Das vierjährige Hausjubiläum

Heute vor vier Jahren bezog ich mit dem Architekten und Gartenbaumeister unser Haus. Auf dem Kalender fand ich den Eintrag "Einzug ins Paradies". Eben habe ich aus diesem Anlaß ein Glas Sekt getrunken und schaue mich um. Heute ist ein wundervoller Sommerabend. Der Tag war damals auch sehr schön. An den Abend kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war wohl zu erschöpft von den vorangegangenen Strapazen.

Mein Blick fällt auf den Kirchturm schräg dem Haus gegenüber, und es bietet sich mir ein lustiger Anblick: Drei Elstern spielen auf dem Kreuz "Bäumchen, Bäumchen wechsle dich." Zuerst sitzen zwei auf dem linken Kreuzbalken und eine auf der Spitze, dann eine am Fuß des Kreuzes und eine rechts, eine links. Sofort flattert wieder eine auf die Spitze und zwei besetzen den rechten Balken, wechseln wieder die Plätze bis sie in die Kastanien verschwinden. Plötzlich kehren zwei zurück. Wie ein Liebespaar sitzen sie lange aneinandergeschmiegt rechts und links vom Kreuzmittelbalken. Die langen Schwänze hängen über den Querbalken nach unten. Das war ein possierliches Schauspiel. Mir ist, als wären die Elstern so vergnügt wie ich und wollten mit mir feiern.

Elstern auf dem Kirchenkreuz sind oft zu beobachten, aber gleich drei auf einmal zu sehen und ausgerechnet heute, das war schon etwas Besonderes. Wem muß ich dafür wohl danken? Die Kirchturmspitze, die aus dem mächtigen Kastanienbaum mit grünen Früchten behangen , herausschaut, bot damals das gleiche Bild. Und auch die Kastanie links davon und die breite Akazienwand, die verschiedenen Bäume und Sträucher des gegenüberliegenden Grundstückes sind die gleichen geblieben. Nur vor unserer Haustür war es öd und leer. Die blanke Fahrstraße lag unverhüllt vor uns.

Auch die prächtigen Akazien an der Grundstücksseite standen schon da, und hätte ich damals Muse gehabt, wären mir beim Sonnenuntergang die Elstern in ihren Zweigen sicher aufgefallen wie heute. Links übereck spendeten die Fliederbüsche wie heute Schatten aber im Anschluß an sie war unser Ländchen zum Feld hin offen: Das "Landschaftsbild", von der Rückseite des Hauses aus zu sehen, hatte noch keinen blühenden Rahmen. Berge von ausgehobener Erde lagen stattdessen an dieser Stelle "verziert" von hohen störrischem Unkraut. Unten an der Böschung auf dem Feld hatte ich Blumen entdeckt. Am ersten Tag auf dem Land mußte ich unbedingt einen Strauß haben. Ich kletterte hinunter zum Feld, pflückte Mohn- und Kornblumen mit Gräsern und großen Kamillen dazwischen und schon war mein Wunsch erfüllt. Ich stellte den Feldblumenstrauß auf den provisorischen Freisitz hinterm Haus – ein Lichtblick in dieser Mondlandschaft. Dieser Zustand war noch lange gegenwärtig. An erster Stelle standen die Restarbeiten im Wohnbereich. Die Außenanlagenfertigstellung erfolgte nach einem detaillierten Ablaufplan unter der Regie und rastlosem Einsatz des Architekten. Es klappte alles haargenau ohne Verzögerungen. Wenn ich heute nach vier Jahren Haus und Grundstück betrachte, bin ich erstaunt und zufrieden darüber, was aus der kahlen Wiese in der Straßenkurve für eine Oase geworden ist.

Unser Wohnhaus am 17.07.1995

Das einzig Ansehnliche auf unserem Grundstück war am Tage unseres Einzugs das kleine weiße Haus mit dem bräunlichen Dach und den rotbraunen holzverkleideten Giebeln. Ohne Schnörkel steht es bescheiden da und paßt in das dörfliche Milieu, in die einfache Landschaft. Das Urteil Goethes über sein Gartenhaus an der Ilm in Weimar schildert es treffend: "Übermütig siehts nicht aus, hohes Dach und niedres Haus." Während die Vorderseite relativ streng wirkt, nur über einem kleinen Fenster ist ein Metallschmuckgitter angebracht und die massive Haustür ist fensterlos, ist die Rückansicht durch zwei Terrassentüren großzügig gestaltet. Durch eine eingerückte Überdachung, die von einer Holzsäule gestützt wird, macht sie einen aufgelockerten Eindruck. Aus den Holzgiebelseiten blicken je zwei Fenster wie Augen heraus. Der Nordgiebel unterhalb ist fensterlos. Im einzigen Fenster des Südgiebels im Erdgeschoß hat die Gärtnerin ihren "Haus-Garten" auch in der kalten Jahreszeit. Das durch die günstige Lage hereinfallende Sonnenlicht bekommt den Winzlingen, die dort stehen, gut. Alle Fenster, ausgenommen die Dachfenster, haben von außen aufgesetzte Holzkreuze in der Farbe des Giebels. Das ist ein ganz besonders wirkungsvoller Schmuck, auf den ich richtig stolz bin. Es sieht edel aber trotzdem ländlich aus. Weiße Jalousinen, auch über den Terrassentüren, vervollständigen den harmonischen Gesamteindruck. Am Tage unseres Einzugs waren im Dach je ein Kippfenster an der Vorder- und Rückseite des Hauses vorhanden. Neben dem Wohnhaus stand bereits die ebenfalls weißgestrichene Doppelgarage. Neben ihrer Nutzung als Lagerraum für diverses Baumaterial war sie der Unterschlupf für die Bauleute und und den Architekten für Lagebesprechungen. Ich war in den Arbeitspausen die Wirtin der provisorischen Kneipe und sorgte nicht nur mit Speisen und Getränken für Frohsinn und neuen Elan.

Das Richtfestdokument vom 6. April 1995

Der Bauaufenthaltsraum in der Garage beherbergte auch drei dänische Monteure, die unser Haus in drei Tagen, vom 6. bis 9. April 1995 errichteten, zu den Mahlzeiten. Sie waren mit einem Wohnwagen angereist, den sie auf dem Feld hinter unserem Grundstück abgestellt hatten. Die Arbeit lief wie am Schnürchen. Sie arbeiteten Hand in Hand, so dass schon am Abend des ersten Tages die Bänder der Richtkrone im stürmischen Wind flatterten. Die Erinnerung an dieses Ereignis habe ich dokumentiert. Ein Stück aus meiner Sammlung von Sprüchen, Gedichten., Bildern diente dazu: Es ist eine Postkarte mit der Darstellung eines Richtfestes. Warum ich sie überhaupt aufbewahrt hatte, ist mir rätselhaft, vielleicht weil die ausgedrückte Stimmung mir so gefiel. Das Bild ist "Das Richtfest" benannt, die Malerin heißt Ingeborg Sperling. Auf dem Dachstuhl eines Anbaus an ein Wohnhaus –wieder ein ganz seltsamer Zufall, warum werde ich noch berichten – schwebt ein Richtkranz. Während ein Arbeiter vom Dach aus freudig grüßt, feiern die Bauleute, überschäumende Biergläser in den Händen, mit einer jungen Familie und den Großeltern gemeinsam das Fest. Diese Karte wählte ich zur Dokumentation unseres persönlichen Höhepunktes aus und bat die drei Dänen um ihre Unterschrift. Zuerst schauten sie mich ganz verdutzt an, aber dann taten sie mir bereitwillig lächelnd den Gefallen. So stehen nun auf der Bildrückseite neben der Eintragung "Richtfest 06.04.1995" die vollständigen Namen von Björn, Bert und Per. Genau diese Karte trägt ein weiteres Richtfestdatum mit vier Namenszügen. Wer hätte das an diesem Tage gedacht. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte.

Das Doppelhaus am 17.07.1999

Heute, erst vier Jahre nach dem Einzug, ist unser Haus nicht mehr das gleiche: Durch Anbau eines weiteren Einfamilienhauses ist aus unserem kleinen "nicht übermütig" aussehenden ein Doppelhaus geworden. Traurig war ich ein bißchen, dass die zwei Giebelfenster mit den wertvollen Holzkreuzen an der Nordseite geopfert werden mußten. Der Architekt baute als Ersatz ein weiteres Dachfenster auf der Terrassenseite ein. Das Ergebnis des Anbaus kann sich sehen lassen. Das Ganze ist wie aus einem Guß geworden. Langgestreckt schmiegt es sich in die Kurve der vorbeilaufenden Straße.

Das zweite Richtfest am 11.05.1998

Durch den Erweiterungsbau unseres Wohnhauses kam die nächste Eintragung auf dem Richtfestbild zustande. Eigentlich ist das zweite Richtfest das zutreffende für die Abbildung, denn die Krone hängt auf dem Anbau, der sich rechts am vorhandenen Haus anschließt. Es ist genauso wie bei uns dargestellt. Das ist schon erstaunlich für mich, denn auch die Menschen auf dem Bild ähneln in ihrer Zusammensetzung dem tatsächlichen Geschehen. Alle sind dabei: Tochter, Schwiegersohn, die Kinder Johanna und Matti, der Architekt, die Gärtnerin, die Zimmerleute. Im Hintergrund gar ein Haus mit einem spitzen Giebel und einer Frau am Fenster – das könnte unsere Nachbarin sein. Das Datum der zweiten Eintragung lautet: 11.05.1998 – Richtfest Anbau. Unterschrieben haben die vier lustigen Zimmerleute aus Waren an der Müritz: Mario, Ralf und Dirk. Der Chef als Autoritätsperson unterzeichnete mit dem Nachnamen. Das denkwürdige Dokument habe ich eingerahmt und aufgestellt. Meine Verwunderung über das Zusammentreffen von Bild und Wirklichkeit übermannt mich immer wieder. Auch dieses Erlebnis ist die reine Wahrheit.

Aus der Grundstücksgeschichte

Das erste Foto unseres Grundstückes liegt vor mir. Wir hatten es nach vielen "Wegen übers Land" im Sommer 1994 gefunden: Direkt an der Straße breitet sich ohne Zaun oder Hecke über das ganze Bild eine große Wiese aus. Rechts steht ein Telegrafenmast auf ihr. Links begrenzen Akazien die Grasfläche und den Horizont des Bildes alte Bäume. Über die Straße hinweg auf einer Anhöhe sieht man ein großes Gehöft liegen. In der Mitte hat der Architekt unseren Pkw abgestellt als symbolischen Ausdruck dafür, dass dieser Platz jetzt besetzt ist. Apropos Platz. Es war tatsächlich einer, nämlich der Sportplatz des Dorfes. Zwei liegengebliebene Fußballtore, ein paar Absperrzäune und in der hintersten Ecke das Fundament der ehemaligen Toilette erinnerten daran. Die gefährliche Lage an der Straße hatte die Gemeinde bewogen, ihn umzuverlagern und das Land zu Bebauung freizugeben. Auf dem Gelände fanden die Maifeiern und Dorffeste statt. Den Rest eines Kinderkarussells bargen wir bei Schachtarbeiten.
Die Autorin lebt in Jamikow/Uckermark. Ihre Bücher und Postkarten sind in jeder Buchhandlung erhältlich. Weitere Informationen erhalten Sie per eMail oder telefonisch unter 033 33 1 - 66 3 64.

Veröffentlichungen der Autorin
  • "Die Uckermark - Ein Sommermärchen" 7,60 Eur
  • "Die Uckermark – Ein Heimatmosaik" 10,00 Eur
  • Postkartenserie "Unterwegs in der Uckermark" Set-Preis 3,50 Eur
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