Literatur aus der Uckermark

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Lisa Lehmann - Autorin aus Jamikow (Uckermark)

Geschichten vom Uckermarksommer 1999

Ich heisse Lisa Lehmann und wohne in Jamikow. Ab sofort werde ich an dieser Stelle monatlich eine Geschichte aus meinen beiden Büchern veröffentlichen. Ich schreibe seit meiner Pensionierung Heimatgeschichten. Kommen Sie einfach mit auf eine Abenteuer-Reise durch die Uckermark.

Der Traum vom verwandelten Uckermark-Gutshaus am 08.08.1999

In unserem Ort gab es kein Rittergut, dafür im zwei Kilometer entfernten Nachbardorf. Das Herrenhaus ähnelt mit Mitteleingang und den zwei Gebäudeflügeln vom Aufbau her dem in unserem Dorf. Es ist allerdings wesentlich größer und im Gegensatz zum uckermärkischen eher als Schloß zu bezeichnen. Das Obergeschoß, in dem sich die Wohnräume der Rittergutsfamilie befanden, ist über eine breite Freitreppe zu erreichen. Im Erdgeschoß befanden sich die zahlreichen Wirtschaftsräume. Nach den Herren gehörte es dem Volke, sprich Kindern: Es wurde zuerst saisonbedingt als Erntekindergarten, später das ganze Jahr über dafür genutzt. Einige Räume dienten als Bildungsstätte der Landwirtschaftsakademie. Ich lernte die Räumlichkeiten 1957 kennen und habe sie als herrschaftlichen Besitz in Erinnerung. Der ebenfalls mit einer Mauer umgebene Park war so groß, dass man darin spazieren gehen konnte. Für die neuen Besitzer war er ein ideales Gelände zum Spielen und Toben. Heute sah ich es neu herausgeputzt, aber noch zu erkennen, vielleicht weil ich es als recht ordentlich in Erinnerung habe, wieder. Ein Traum von einer Landhausvilla mit dekorativen Pflanzen davor und Mustergarten. Ich wage einen Blick in die Zukunft und sehe unser Gutshaus in diesem Gewande und mich darin. Am liebsten würde ich selbst die Schloßherrin sein. Ich würde als erstes einen Flügel in das hübsche Haus stellen für unseren kleinen Chor, neue Bücher für den ehrwürdigen alten Schrank, der nur darauf wartet, kaufen, vielleicht auch Videos, die jemand vorführen könnte. Die neuen Fotos vom Dorf würde ich zeigen und meine Geschichten vorlesen. Abends, im Winter, wenn nicht im Freien die Grillen vertrieben werden. Die Männer würde ich einladen zum Skatspielen. Sie könnten auch einen Hundeverein gründen, draußen der große Spiel- und Sportplatz ist frei. Für die Dressur und die Wahl der schönsten. Nicht der Männer. Der Hunde. Und erst einmal die Kinder. Sie wären meine liebsten Gäste. Für sie gäbs einen Klub. Einen "Play"- oder "Play-Station"-Klub. Der Architekt könnte die Schulfreunde aus den Nachbardörfern heranfahren, dass es richtig kesselt. Auch die kleinen Mädchen, für die es Ballettstunden gäbe..........

Im ersten Öko-Bad Deutschlands, dem Abbild unseres Dorfteiches am 09.08.1999

Einen Dorfteich hatten wir nicht, dafür ein so wunderschönes Freibad seit dem Jahre 1924, "Familienbad" war die offizielle Bezeichnung, dass mir das Herz klopft, wenn ich an diesen Treff, den wichtigsten meiner Kindheit, denke. Mit einem 10-Pfennig-Stück, einer Flasche Essigwasser und Zuckerstulle verbrachte ich mit meinen Schulfreundinnen und –freunden die Sommertage. br>
Es gab eine fünfzig-Meter-Bahn mit Startblöcken und einen drei Meter hohen Sprungturm, Liegewiesen und Sand um das große Becken. Schwimmen konnten wir alle wie die Fische. Ich war im Schwimmverein, der im Winter im "Stadtbad", einem Hallenbad trainierte. Jetzt ist ein "Öko-Bad", das erste Deutschlands, draus geworden. Die Einwohner hatten sich dagegen gesträubt, weil der Umbau mit erheblichen Veränderungen der Gesamtanlage verbunden war und auch die Bedingungen fürs Baden außergewöhnlich sind. Man befürchtete enorme Eintrittspreise und ein höheres Verkehrsaufkommen im Ort wegen der "Einmaligkeit". Aber die Idee wurde gefördert, finanziell. Im Frühjahr hatte ich schon durch den Zaun geschaut und jetzt mußte ich natürlich "anbaden". Das herrlichste Sommerwetter lockte mich zum mehrmaligen Bade. Die Kassiererin machte mich als erstes auf die verschiedenfarbig blühenden Seerosen aufmerksam. Der Eintrittspreis war zu verkraften; Kinder zahlen jetzt zwanzig mal mehr als wir damals. Und dann stand ich vor einem mecklenburgischen See in Sachsen. Die Verwandlung der Badefläche war total. Betonrand, Startbrücke und Sprungturm sind verschwunden. Schilf mit den gepriesenen Seerosen bilden die Begrenzung. Über die Wasserfläche führen Holzstege. Hineinspringen ist out. Das ist ja nun für die Kinder der halbe Spaß! Es war doch das größte Vergnügen, wenn wir nacheinander mit den verschiedensten Verrenkungen von der Startbrücke aus im Wasser landeten. Das mußte nur so spritzen. Das Kinderplanschbecken, ehemals betoniert, hat den Anblick eines Tümpels. Man könnte an unseren Dorfteich denken. Überhaupt. Ich muß lachen. An der höchsten Stelle der Anlage wieder eine Schilfzone, in der die Pumpstation versteckt ist.

Im Wasser war es angenehm. An der Schwimmergrenze ergoß sich aus Düsen eines Rohres Wasser. Der Schwimmeister erklärte mir, dass das Wasser dadurch mit Sauerstoff angereichert würde. Nachdem er von mir "Schwimmen hier gelernt und nicht verlernt" gehört hatte, erzählte er allerhand zum neuen Bad. Ein Nachteil ist die begrenzte Besucherzahl. Warteschlangen waren an der Tagesordnung. Jetzt scheint es ihm, dass die Leute bademüde geworden sind wegen des langen Sommers. Also auch hier in Sachsen ein Supersommer, denke ich. Gut für mich, ich konnte mich ungehindert bewegen. Der besondere Kick war dabei, dass laufend Flugzeuge über mich hinwegflogen. Das kannte ich aus meiner Kindheit nicht. Der nahegelegene Flughafen wurde erst in den letzten Jahren wiederentdeckt. Der Ortsrand mit dem Freibad liegt in der Einflugschneise. Meine Urlaubsstimmung stieg.

Erfreut war ich darüber, dass die Liegewiesen noch existieren und die herrliche Trauerweide am Ufer noch Schatten spendet. Das kleine Rettungsschwimmerhäuschen aber ist weg. Hätte man nicht etwas erhalten können als Denkmal? Es wird mir schon wehmütig ums Herz. Es bleiben nur Fotos als Erinnerung. Ich frage nach einer Ansichtskarte für zu Hause von der Öko-Anlage, die unserem Dorfteich so ähnelt in ihrer künstlich erzeugten Urwüchsigkeit. Die würden Augen machen. Nur der Poststempel wäre der Beweis für einen Gruß von außerhalb. Seerosen haben wir auch. Es gab leider keine Aufnahme, was ich überhaupt nicht verstand. "Marketing" hatte man mir schon vor zehn Jahren eingebleut. Die Kassiererin bemängelte es auch, denn die Nachfrage sei groß. Besonders bei Touristen, die zum Bestaunen der Attraktion auftauchen. Vielleicht fehlt nur ein Sponsor zur Vorfinanzierung. Die Stadtkasse gibt es bestimmt nicht mehr her. Sie hat bei der "Öko-Badisierung" sicher schon nasse Füße bekommen.

Das großartige Open-Air-Schattenspiel am 11.08.1999

Das sogenannte "Jahrhundertereignis"- die totale Sonnenfinsternis am 11. August dieses Sommers – erlebte ich in Leipzig. Ich hatte bis zuletzt überlegt, die Verdunklung der Sonne am hellichten Tag lieber in der neuen Heimat zu beobachten, mich aber doch entschieden, zu bleiben. Ich hoffte wegen der südlicheren Lage meines Geburtsortes einen intensiveren Eindruck vom Himmelsgeschehen zu bekommen. Zum anderen hielten mich düstere Prophezeiungen, konkret auch die, an diesem Tag nicht zu reisen, davon ab, irgendwo unterwegs zu sein. Meine Schwester hatte arbeitsfrei und wir beschlossen, einen Stadtbummel zu machen. Vielleicht würden wir sogar noch eine Spezialbrille erhaschen. Die Aussichten waren schlecht. Man hörte und las nichts anderes als über regelrechte Schlachten um diese "über"lebensswichtigen Sehhilfen, wenn man einen Blick riskieren wollte. Schwarzmarkthändler verlangten fünfzig Mark pro Stück. In einer Passage der Innenstadt war ein Stand aufgebaut: Wem es gelang, per Fuß einen Mondball in eine runde Öffnung, die die Sonne darstellte, zu schießen, bekam als Preis eine Brille. Ein stattlicher Haufen davon lag noch auf dem Tisch. Ich beobachtete einen Mann, dessen Versuch fehlschlug. Er mußte sich mit einer Postkarte mit dem Foto einer Finsternis begnügen. Dazu brauchte er ja keine Brille. Pech gehabt. Ich hätte es am liebsten probiert, aber meine Begleiterin zog mich weiter – es war ihr zu blöd, das "Spektakel". Außerdem war es fraglich, ob man überhaupt eine Brille brauchen würde, denn der Himmel war bewölkt. Aber es war erst 10 Uhr, wir hatten noch Zeit zum Einkaufen und Hoffen auf gute Sicht. Dabei ging mir das "Mond-Sonne-Schieß-Spiel" nicht aus dem Kopf. Bestimmt gabs den Preis kurz vor zwölf ohne Fleiß– ich hätte so gern eine gehabt, wenn auch nur als Andenken an diesen besonderen Tag. Als es zwölf Uhr war, drängte ich zum Verlassen eines Kaufhauses. Wir traten auf die Petersstraße hinaus.

Ich sah sofort zum Himmel hinauf und fand die nach links gewölbte Sonnensichel genau in diesem Augenblick. Ich war so aufgeregt darüber, dass es auf Anhieb geglückt war, dass mir das Herz im Halse schlug. Zwei, drei Wolken schoben sich über die verdeckte Sonne, aber sofort konnte ich sie wieder sehen und nach einem weiteren Versteckspiel mit dicken grauen Wolken noch einmal. Erst jetzt nahm ich wahr, dass es zwischen den Häuserblöcken viel düsterer war, als beim Betreten des Warenhauses. Ich stand immer noch wie angewurzelt und hoffte auf einen erneuten Sonnenblick. Neben mir starrte eine Frau mit Hilfe des heute wichtigsten Utensiles in den Himmel. Sie lieh es mir, aber wie sehr ich mich auch anstrengte, ich sah nur schwarzes Nichts. Sie erklärte mir den Weg zum Sendewagen des Mitteldeutschen Rundfunks. Dort würden Brillen verteilt. Ich rannte los, drängte mich durch die Menschenmassen zum übervollen Marktplatz. Die Zuschauer verfolgten wie gebannt das Schattentheaterspiel mit Sonne und Mond als Akteure. Das war Open Air pur. Ich hielt in meiner Suche ab und zu inne, drehte mich in die Bühnenrichtung, um ja nichts von der Vorstellung zu verpassen. Deshalb hatte ich mich wohl nicht genügend beeilt. Der Herr im Sendewagen bedauerte. Die Brillen waren weg, leider. Wie heißt es doch gleich in einem sächsichen Mundartlied?:"Und da gugste in den Mond, weil der Drasch sich nicht verlohnt." Ich muß zur Strafe für meine Bummelei weiter mit bloßem Auge in die Sonne schauen. Das tun sehr viele, an denen ich zum ersten Ausblick zurück vorbeirenne.

Inzwischen ist es in der Geschäftsstraße viel dunkler geworden. Die Läden haben ihre Beleuchtung eingeschaltet. Das macht die ungewohnte Situation 12.30 Uhr sehr deutlich. Die Dämmerung breitet sich immer mehr in den engen Straßen aus. Ich habe den Eindruck, dass es plötzlich stiller geworden ist – nicht so laut und geschäftig wie sonst hier um diese Tageszeit. Mir fällt die Stimmung beim Sonnenuntergang zum Sommeranfang ein, die ich beschrieben habe. Genau mit dieser ist sie vergleichbar. Da war ebenfalls schlagartig kein Laut mehr zu hören, Vögel und Wind verstummten auf einmal. Ich erinnere mich jetzt deutlich: genau wie in diesem Moment war es damals auch. Die reglose Stille muß auch ihre Wirkung auf die Menschen haben. Ich bemerke, dass die, die sich auf der Straße bewegen, lautloser als sonst gehen. Sie scheinen wie in Zeitlupe zu schweben oder langsamer voranzukommen, so, als wollten sie alle Tätigkeit einstellen, wie von Geisterhand gebremst zum "Feierabendmachen". Das zu dieser Tageszeit zu erleben, ist schon ein Wunder. Die Situation wirkt auf mich, obwohl durch ein Naturereignis hervorgerufen, eher künstlich, unwirklich. Diese Empfindung habe ich gewiß deshalb, weil ich sie noch nicht erlebt habe und bin glücklich, dass ich das einmalige Schauspiel sehen und den Zauber fühlen konnte. Ich bin um eine Erfahrung reicher geworden. Zweimal gelingt es mir noch, die inzwischen dünner gewordene Sonnensichel zu betrachten.

12.50 Uhr verlassen wir unseren Beobachtungspunkt, der mir auf Anhieb Glück brachte. Es ist immer noch dämmrig. Aber eine Viertelstunde später, wir sind inzwischen in einem anderen Viertel unterwegs, reißt plötzlich die Wolkendecke auf und am blauen Himmel steht sie - die Sonne. Unversehrt, so als wäre nichts gewesen. Sofort verbreitet sie Helligkeit und Wärme – es ist mit einem Schlag wieder "Summer in the City" und Mittagszeit. Das war der eigentliche Moment der ganzen Geschichte für mich, er war wie eine Verheißung, der Sprung zurück ins Leben:"Freude, schöner Götterfunken." Von da an ging wieder alles seinen gewohnten Gang. Das Himmelsmanöver hatte glücklich geendet. Der Sommer kann weitergehen. Hier und in der Uckermark. Bestimmt gab es noch niemals soviele Schaulustige bei einer Open-Air-Veranstaltung, denke ich. Es war eben eine himmlische.
Die Autorin lebt in Jamikow/Uckermark. Ihre Bücher und Postkarten sind in jeder Buchhandlung erhältlich. Weitere Informationen erhalten Sie per eMail oder telefonisch unter 033 33 1 - 66 3 64.

Veröffentlichungen der Autorin
  • "Die Uckermark - Ein Sommermärchen" 7,60 Eur
  • "Die Uckermark – Ein Heimatmosaik" 10,00 Eur
  • Postkartenserie "Unterwegs in der Uckermark" Set-Preis 3,50 Eur
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