Sagen und Geschichten - Jagow

Der Siebenrannt

Noch vor Jahrzehnten war der Glaube an Zauberei und Hexen auch in unserer Gegend verbreitet, aber längst vergangen sind die Zeiten, in denen solcher Glaube zahllose Menschen auf die Folterbank und nach dabei abgepreßten Geständnissen auf den Scheiterhaufen brachte. Zumeist waren es Frauen,die man der Zauberei verdächtigte, anklagte und oft auf grausame Weise zu Tode peinigte.

Neben dem Verbrennen war auch das "Rennen mit dem Sieb" verbreitet, wobei die Beschuldigte in ein großes rundes Kornsieb gepreßt und so lange gerollt wurde, bis sie tot war. Auch einer Frau aus Jagow soll eine solche Strafe widerfahren sein. Doch noch nach ihrem "Siebrennen" spukte sie, einem alten Aberglauben zufolge, gern in unserer Heimat herum, erschreckt die Vorüberkommenden, insbesondere am Kreuzweg bei der Schindelmühle. Nur wenige wagten es daher, an diesem Ort zu Mitternacht vorüberzugehen, und keiner fand sich, den Spuk aufzuhalten, damit die Hexe endlich erlöst wurde.

Eine Sage darüber, wie es dennoch ein Jagower wagte, dem Siebenrannt zu begegnen, nimmt Friedrich Bartelt als Vorlage für seine Spukballade vom Siebenrannt:

Im Krug zu Jagow lärmt man wild;
in Qualm und Dunst der Zecher Bild,
schon Mitternacht durchs Fenster schaut;
der Zecher Schar vor niemand graut.

Der Siebenrannt, den halt ich an!
"Was gilt die Wett? - Ich bin der Mann!"
So sprach der Kühnste von den acht.
Zehn Thaler wurden ausgemacht.

"Zehn Thaler geben wir als Pfand!
Dein sei das Geld, wird frei das Land!"
Ein Glück gar, wenn des Siebes Lauf,
die wilde Fahrt, hört eimal auf!"

Gesagt, getan... Der Krug wird leer.
Zum Kreuzweg geht´s, feldein, feldquer.
Doch vor dem Ziel, da macht man halt.
Die Furcht sich an die Fersen krallt.

"Jetzt, guter Freund, eil´nur allein!
Wir schau´n dir nach von diesem Stein.
Hab´Kraft und Glück und halt dein Wort,
nicht eher gehen wir hier fort."

Er läuft geschwind, der Mond scheint hell.
Bald schallt sein Ruf: "Ich bin zur Stell!"
Doch kaum war´s Wort gedacht, gesagt,
da kam´s Gefährt schon angejagt.

Und fern ein Ächzen, Stöhnen, Schrei´n,
ein Fluchen, Zetern, Maledei´n.
"Jetzt wack´rer Freund, jetzt zeige Mut,
greif frisch hinein, und es wird gut!"

Er hört das Wort - das Sieb auch hält.
Hin stürzt das Weib, es schwankt, es fällt!
Doch weh´, mit ihr stürzt auch der Freund,
zu Tod - der beide nun vereint!

Das Sieb indes, es raste fort;
wer weiß wohin, an welchen Ort.
An Kreuzweg aber bleibt es stumm.
Was kümmert Baum und Strauch sich drum?

Doch seitwärts, bei dem Feldgestein,
da bangt die Schar, dann eilt sie heim.
Der Tag bricht an. Schnell geht die Mär:
"Der Wettehans, er lebt nicht mehr!"

Befreit jedoch scheint nun das Land,
kein Aug´ sah je den Siebenrannt.
Im Krug zu Jagow lärmt man froh,
der Spuk ist fort nach nirgendwo.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow

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