Sagen und Geschichten - Milmersdorf
Der Jakobssee
Wer vom Bahnhof Milmersdorf durch den herrlichen Laubwald dem Edelsitze Suckow zuwandert, der kommt da, wo die Angermünde-Stralsunder Eisenbahn die Gerswalder Chaussee schneidet, an dem Jakobssee vorüber. Wo jetzt der See ist, da soll ehemals "Jakobsdorf", das dem Kloster Seehausen tributpflichtig war, gestanden haben. Die Sage weiß von dem See folgendes zu erzählen.
Vor vielen, vielen Jahren lebte in Jakobsdorf ein mächtiger und böser Ritter. Zechen, verbunden mit grausem Fluchen und Rauben, sowohl am lichten Tage als in dunkler Nacht, waren die Beschäftigungen, an welchen sein böses Herz das größte Wohlgefallen fand. Gleichgesinnte Knappen und Knechte standen ihm mit Leib und Leben zur Seite und leisteten ihm bei allen Freveln die bereitwilligste Hilfe. Es konnte nicht fehlen daß er von aller Welt gefürchtet wurde. Niemand hatte Umgang mit dem wüsten Gesellen; jedermann haßte ihn. Als er aber nicht mehr fern war von der Grenze des angehenden Alters, schien es ihm hohe Zeit, Umschau unter den Töchtern des Landes zu halten und zu heiraten.
Doch kein hochadliges Fräulein, nicht einmal die Tochter eines schlichten Bürgers trug Verlangen, Hand und Herz einem Manne zu schenken, der von jedem redlichen Menschen verabscheut wurde. Endlich fand sich die Braut. In ziemlicher Entfernung von Jakobsdorf wohnte die Witwe eines verstorbenen Ritters. Sie hatte eine Stieftochter, welche sie recht bitter haßte. Mit teuflischer Freude nahm sie daher die Brautwerbung des Ritters um ihre Stieftochter an. Sie wußte nur zu gut, unglücklicher konnte sie das gehaßte Kind nicht machen, als wenn sie die Gemahlin eines Mannes wurde, dessen Herz kein edles Gefühl kannte und auf dessen Haupt unzählige Verwünschungen ruhten.
Das unglückliche Kind sträubte sich; es flehte um Erbarmen, aber vergeblich. Das harte und boshafte Gemüt der Mutter ließ sich nicht erweichen. Der Tag der Hochzeit erschien. Sie sollte in den Prunkgemächern des Schlosses von Jakobsdorf stattfinden. Alles war zubereitet. Die Kutsche, mit vier Pferden bespannt, fuhr vor. Bleich mit verwundetem Herzen stieg die Braut ein. Der Mutter Antlitz glänzte vor böser Schadenfreude; kein freundlicher Glückwunsch kam über ihre Lippen, denn die Tochter sollte ganz unglücklich werden.
Als die Braut auf die Höhe der Fliether Feldmark kam und die waldigen Besitzungen ihres zukünftigen Gemahls erblickte und das Schloß aus den Baumkronen hervorlugen sah, da wollte ihr fast das Herz brechen. Es war Abend, als der Wagen in den prächtigen Wald einbog. Die Sonne vergoldete den Himmel. Die Blumen hatten ihre Kelche geschlossen, die Vögel zwitscherten und vom nahen Turme ertönte das Betglöcklein. Die Tore öffneten und schlossen sich.
Die junge Braut aber bat um ihren und um den Untergang dieses Schlosses. Ihr Wunsch wurde erfüllt. In der Nacht zog ein Gewitter herauf. Blitze zuckten, Donner rollten. Der Sturm rüttelte und schüttelte die Eichen und Buchen, daß sie in ihren Zweigen und Ästen ächzten und krachten. Der Regen goß in Strömen hernieder, Fenster klirrten und Ziegelsteine prasselten. Als die Sonne aufging, waren Schloß und Dorf verschwunden, im Wetter untergegangen.
Ein See war entstanden, der bis auf den heutigen Tag der Jakobssee oder Jakobsdorfer See heißt. Seit Jahrhunderten spiegeln sich dicke Eichen und Buchen in der geheimnisvollen Flut. Wie im Vollgefühle ihrer Schönheit und Pracht breitet die Seerose ihre großen Blätterschwingen aus und um sie herum reihen sich als lieblicher Kranz die anmutigen gelben Teichrosen. Am Ufer erhebt der Igelkolben sein stachlig Haupt, schießt das Pfeilkraut mit seinem zackigen Blatte und der schneeweißen, dreiblätterigen Blüte hervor, richtet der Froschlöffel seine rosig rote Blütenpyramide empor und tauchen wie Grenadiere Sammetwalzen vom Rohrkolben auf.
Im Rohre nistet der Rohrsperling, haust die wilde Ente. Grellfarbige Wasserjungfern schwirren und schaukeln über dem Wasser hin, und auf dem Mummelblatt sonnt sich der Frosch. In mondhellen, stillen Nächten haben Fischer nach der Sage die Glocken der mituntergegangenen Kirche läuten hören, und die Netze sind zum Verdrusse der Fischer schon öfter an der Turmspitze sitzen geblieben. Mancher Wanderer, der in der Nähe des Sees im Schatten der Bäume ein Mittagsschläfchen gehalten hat, will die holde Braut im Traume gesehen haben und weiß ihre Anmut und Schönheit nicht genug zu preisen.
Quelle: unbekannt