Eine Chronik des Hochwassers

11.7.1997: Als ersichtlich wird, dass die Hochwasserwelle aus Tschechien und Polen heran nach Deutschland rollt, wird in der Uckermark ein Krisenstab gebildet.

15.7.1997: Die Polder A und B bei Schwedt, die zusammen eine Fläche von 3200 Hektar haben, werden geflutet. 100 Millionen Kubikmeter Wasser können einfliessen und nehmen so Druck von den Deichen.

17.7.1997: Der Polder 10 bei Schwedt mit einer Grösse von 1800 Hektar wird ebenfalls geflutet; er kann nochmals 70 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Das Landesumweltamt ruft die Alarmstufe 1 aus.
18.7.1997: Der Krisenstab wird erweitert. Es wird ein Bürgertelefon geschaltet.

19.7.1997: Im Krisenstab werden Polizei, Bundesgrenzschutz, Landesumweltamt und Wasser- und Bodenverband hinzugezogen. Es werden 5 Sandsackfüllplätze im Oderbereich eingerichtet.

20.7.1997: Es wird die Alarmstufe 2 festgelegt. Die Leiter der Einsatzabschnitte sowie die örtlichen Ordnungsbehörden werden eingewiesen.

21.7.1997: Es wird die Alarmstufe 3 festgelegt. Der für die Uckermark wichtige Pegel in Stützkow, der normal 6,00 Meter beträgt, hat inzwischen 9,05 Meter erreicht. Vor Ort in Schwedt nimmt eine Technische Einsatzleitung die Arbeit auf, die unmittelbar an der Oder die Arbeiten koordiniert, während die strategischen Entscheidungen im Krisenstab in Prenzlau getroffen werden. Über 100 Deichläufer kontrollieren Tag und Nacht die 43,7 km Deiche auf Sickerstellen. An den Sandsackfüllstellen werden im Akkord Zehntausende Sandsäcke gefüllt und mit Kleintransportern auf die zunehmend weicher werdenden Deiche gefahren.

22.7.1997: Der Pegel in Stützkow hat bereits 9,64 Meter ereicht und steigt weiter. Es werden vorsorglich Gespräche mit Bundeswehr und BGS geführt, um im Ernstfall schnell Hilfe anfordern zu können. Das Betreten und Befahren der Polder, die Jagd und das Angeln dort werden verboten.

23.7.1997: Durch den stetigen Anstieg der Oder entsteht ein Rückstau in der HFW, die zu einem starken Anstieg des Pegels in diesem Kanal führt. Bei den in der Nähe des Kanals lebenden Menschen in der Stadt Schwedt und den Dörfern steigt die Unruhe mit dem Wasserspiegel. Es werden weitere 50.000 Sandsäcke aus dem Katastrophenschutzlager Beeskow angefordert. Gegen Mittag bricht an 2 Stellen an der Schwedter Querfahrt (Verbindung Oder-HFW) der Sommerdeich; Gefahr für die Menschen besteht aber nicht.

24.7.1997: Der Pegel Stützkow hat nunmehr bereits 9,98 Meter. Vorsorglich wird das in Nähe des Kanals liegende Schwedter Klinikum mit Tausenden weiterer Sandsäcke versorgt. Der Dauerregen erschwert die Situation weiter und fordert den zahllosen Hilfskräften das Letzte ab. Vor Ort sind inzwischen eine Reihe von Spezialisten auch aus anderen Bundesländern tätig. Zahlreiche Hilfsangebote kommen aus ganz Deutschland. Für die vielen Spendenangebote richtet die Kreisverwaltung ein Sonderkonto ein. Da am Lunow-Stolper Polder verstärkt Sickerstellen auftreten, wird beschlossen, diesen Trockenpolder mit einer Grösse von 900 Hektar nicht mehr abzupumpen, um dadurch einen Gegendruck zu schaffen.

25.7.1997: Für die Befestigung der Deiche werden Tausende von Faschinen (Bündel aus Reisig und kleinen Bäumen) benötigt. In den Wäldern der ganzen Uckermark und darüber hinaus in ganz Brandenburg werden in den nächsten Tagen Hunderte Forstarbeiter, Arbeitslose, Soldaten und viele andere Freiwillige diese Faschinen binden.

26.7.1997: Der Pegel in Stützkow ist leicht gefallen. Trotzdem spitzt sich die Situation dramatisch zu. Das Oderbruch ist akut bedroht. Noch ist nicht genau bekannt, welche Folgen ein Deichbruch bei Hohenwutzen oder anderswo im Oderbruch für die nördlicher gelegene Uckermark hätte.

27.7.1997: Der Landrat bittet weitere Bürger, bei der Faschinenherstellung in den Wäldern zu helfen; der Bedarf dafür wächst ständig. An der Oder sind weiterhin Hunderte Helfer bis zur Erschöpfung an den Sandsackfüllstellen, beim Verbau von Sickerstellen an den Deichen, als Deichläufer, in den Stäben und anderswo im Einsatz.

28.7.1997: Der Pegel steigt wieder. Die 190 Einsatzkräfte pro Schicht bessern unermüdlich Sickerstellen am Lunow-Stolper Polder, bei Gartz und bei Stützkow aus. Die Bundeswehr wird in der Uckermark stationiert und hilft zuerst in Stolpe.

29.7.1997: In Stützkow wird mit 10,09 Meter der Rekordpegel gemessen. Die Bundeswehr löst mit 250 Mann im Raum Stolpe die seit Tagen im Einsatz befindlichen Männer der freiwilligen Feuerwehren ab. Im Krisenstab stellt ein Spezialist die Folgen möglicher Deichbrüche dar, über die am gleichen Tag die Bevölkerung informiert wird. Danach ergäben sich 2 mögliche Szenarien:

Szenario 1: Ein Deich im Oderbruch (z.B. bei Hohenwutzen) bricht:

Die Folge wäre eine grossflächige Überflutung des Oderbruchs innerhalb von 3-4 Tagen. Diese Wassermassen würden über die "Alte Oder" in die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstrasse fliessen können. In der HFW wäre mit einem Pegelanstieg um ca. einen Meter zu rechnen. Das bedeutet, dass im Raum Stolpe Flächen unterhalb von 5m über NN, in Schwedt Flächen unterhalb 3 m über NN und im Raum Friedrichsthal Flächen unterhalb 2 m über NN gefährdet wären.

Szenario 2: Der Hauptoderdeich und/oder der Querdeich in Stützkow halten der Belastung nicht stand.

In der Folge würde der Lunow-Stolper Polder vollaufen. Nach ca. 2 Tagen ist damit zu rechnen, dass über die Polderdeiche das Wasser in die HFW fliesst, was wiederum einen Pegelanstieg um ca. 1 Meter zur Folge hätte. Folgen siehe Szenario 1.

30.7.1997: Eine weitere Viertelmillion Sandsäcke kommt an. Innenminister Ziel und Umweltminister Platzeck machen sich in der Uckermark ein Bild von der Lage. Die Lage am Deich bei Hohenwutzen (Oderbruch) spitzt sich zu; nach einem Abrutsch auf einer Länge von 50 Metern droht der Deich zu brechen. Er kann nur durch den heldenhaften Einsatz von Bundeswehrsoldaten gerettet werden und damit auch eine Überflutung von Gebieten in der Uckermark verhindert werden.

31.7.1997: Wegen der Dauerbelastung und der zunehmenden Durchfeuchtung der Deiche ruft der Landrat die höchste Alarmstufe 4 aus. Die Zahl der in der Uckermark stationierten Soldaten der Bundeswehr wird auf 600 erhöht. Es wird mit Impfungen gefährdeter Personen gegen Hepatitis und Typhus begonnen. Die Stadt Schwedt und die Dörfer an der Oder erfassen auf der Grundlage präzisierter Karten mit Höhenlinien alle im Falle eines Deichbruches gefährdeten Gebiete und Objekte.

1.8.1997: Der Krisenstab führt Beratungen mit den örtlichen Ordnungsbehörden durch und spricht die Konsequenzen aus der Alarmstufe 4 ab. An der Oder wird weiterhin um jeden Meter Deich gekämpft.

2./3.8.1997: In der Stadt Schwedt werden in einer grossen Aktion von den Einwohnern, der Bundeswehr, der Feuerwehr und vielen anderen Helfern Hunderte Meter eines meterhohen Sandsackwalles am Kanal aufgebaut, um im Falle eines Deichbruches die Stadt vor dem Wasser zu schützen. Durch den Rückstau tritt der Kanal an einigen Stellen schon über das Ufer. Auch in der Stadt Vierraden tritt die Welse, die wegen des Rückstaus aus dem Kanal nicht abfliessen kann, über das Ufer.

4.8.1997: Oder und Kanal beginnen allmählich zu sinken. Wegen der nach wie vor dramatischen Situation bei Hohenwutzen wird aber die Alarmstufe 4 beibehalten.

5.8.1997: Das Wasser sinkt weiter. Der Landrat bittet die Bundeswehr, bei den Aufräumarbeiten nach der Flut zu helfen. Auf dem Spendenkonto der Kreisverwaltung gehen Tag für Tag weitere Spenden ein.

7.8.1997: Erstmals gibt es in der Nacht keine besonderen Vorkommnisse. Die Lage stabilisiert sich zunehmend.

10.8.1997: Ministerpräsident Stolpe besucht die Uckermark. Am Abend wird die Alarmstufe 3 festgelegt.

11.8.1997: Die Alarmstufe 2 wird ausgerufen. Krisenstab und technische Einsatzleitung stellen ihre Arbeit ein. Der Landrat dankt allen, die geholfen haben, eine Katastrophe zu verhindern. Die direkten Folgen des Hochwassers waren in der Uckermark nicht so dramatisch wie im südlichen Brandenburg. Trotzdem werden später finanzielle Folgen in Millionenhöhe ermittelt, vor allem aus Kosten der Hilfsmassnahmen, Ausfällen der Landwirte und aus Schäden an Gebäuden und Anlagen in der Nähe der Oder und des Kanals.

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